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Holger Erler: „Familiär – so heisst unser Erfolgsrezept”

In 359 Oberligapartien zwischen 1970 und 1986 erzielte Holger Erler 78 Tore für die Veilchen, insgesamt stehen bei ihm 418 Pflichtspiele und 99 Treffer zu Buche. Damit ist der 70-Jährige der unangefochtene Auer Rekordspieler. In der ewigen Einsatzliste der besten DDR-Kicker rangiert der Erzgebirger auf Rang zehn. Heute ist „Erle” Stammgast zu den Heimspielen seines Herzensvereins, dem er immer treu blieb und für den er sich weiterhin als Stadtrat aktiv einsetzt.

Das Kicker-Gen liegt dem am 21. März 1950 in Hohndorf bei Oelsnitz in einer Bergleutefamilie geborenen Erzgebirger im Blut. Vater Paul stürmte nach der Untertageschicht im Steinkohleschacht für den örtlichen Verein und Cousin Dieter Erler war einer der besten Fußballer der Republik. Der Mittelfeldmann, elf Jahre älter als Holger, trug 47-mal das DDR-Auswahltrikot; er spielte ebenfalls in Aue und ging später nach Karl-Marx-Stadt. „Erle” erinnert sich gut an seine ersten Jahre bei Lokomotive Hohndorf, wo der Junge ab dem ersten Schuljahr am Ball war: „Nach dem letzten Pausenklingeln schmissen wir die Ranzen in die Ecke und rannten zum Sportplatz. Es war wunderbar, etliche der alten Kumpels wiederzusehen, als 2016 ,100 Jahre Fußball in Hohndorf’ gefeiert wurde und ich Ehrengast war. Mächtig stolz war ich übrigens, schon mit 17 Jahren und mit Sondergenehmigung fürs Männerteam der Hohndorfer in der Kreisklasse aufgelaufen zu sein.” Nach der Betonwerker-Lehre in Gersdorf musste der Achtzehnjährige zur Armee, hatte aber Glück: „Die anderthalb Jahre waren hart, bei den Mot-Schützen wurde mir nichts geschenkt. Aber immerhin durfte ich bei Vorwärts Marienberg Fußball spielen. Es gab in der Mannschaft Fußballer aus der halben DDR.

Holger Erler gewann im Mittelfeld viele Zweikämpfe, so wie hier in einer Oberligapartie gegen Union Berlin. Die Aufnahme rechts zeigt den Auer Rekordspieler in einer Begegnung auf Schneeboden am 17. Dezember 1983 gegen den FC Hansa Rostock. Fotos: Archiv Bernd Friedrich (2)

So lernte ich Aue-Keeper Helmut Pitterling und Andreas Pekarek aus Thalheim kennen, der schon einen Vertrag mit Wismut hatte und mir riet, bei Veilchentrainer Gerhard Hofmann vorzusprechen.” Gesagt, getan, Erler trainierte nach der „Asche” zweimal mit und wurde prompt genommen. Schon in der Saison 1970/71 erkämpfte der Zwanzigjährige einen Stammplatz und entwickelte sich bald zu einem der besten Mittelfeldakteure in der DDR. Sein Premierenspiel in der Oberliga bestritt „Erle” gegen Rot-Weiß Erfurt und die Erzgebirger gewannen 4:0. Anfangs fuhren die Wismut-Spieler noch im Schacht 366 ein, nach der Schicht ging es nachmittags zum Training. Zwar brauchten die Oberligafußballer nicht ganz so malochen wie  „normale” Kumpel, trotzdem ist die Doppelbelastung für heutige Profis unvorstellbar. Das System (welches mit Schnapsmarken, Bananen und überhaupt sehr gutem Essen auch sein Gutes hatte) wurde später im Interesse des Sports abgeschafft und die Kicker honorierten das mit Leistung, in den Achtzigern war man sogar international wieder im Geschäft. „Die Duelle in UEFA-Cup und Inter-Toto-Runde gehören zum Besten meiner Laufbahn”, blickt Holger zurück. „Wie wir in Aue nach 0:2-Rückstand gegen Braunschweig zurückkamen, bleibt zum Beispiel für mich eine Sternstunde. Mir gelang ein Tor und wir gewannen noch 3:2. Aber allein schon die Westreisen waren für uns in der DDR etwas ganz Großes.” Für die Fahrt nach Braunschweig bekam er erst im letzten Moment grünes Licht, er sei politisch nicht sauber, gab ihm ein mutmaßlicher Stasimann seinerzeit zu verstehen. Doch hätte Erler eines der Angebote von Dynamo Dresden oder dem FCK angenommen, womöglich hätte sich eine Länderspielkarriere eröffnet.

FCE-Co-Trainer Holger Erler mit dem damaligen Mainz-05-Chefcoach Jürgen Klopp und Bundesligaprofi (und Ex-Auer) Nikolce Noveski im Januar 2006 im Trainingscamp Vale de Lobo an der portugiesischen Algarveküste. Das Testspiel endete 1:1 (Foto: Archiv / Picture Point Leipzig). Rechts: In diesem Oldtimer rollten Publikumslieblinge wie Dietmar Pohl und „Erle” am 13. Oktober 1989 ins Otto-Grotewohl-Stadion. Das Oberligaspiel der BSG Wismut und des 1. FC Magdeburg (0:0) an dem Tag war das eintausendste der Auer und wurde mit der Flutlichtpremiere gefeiert. Foto: Archiv Erler

Doch Holger blieb seiner Wismut immer treu; ein Grund, weshalb ihn die Fans heute noch feiern. So wie beim Zweitligaspiel am 5. April 2017 im Aue-Block bei Union Berlin. Morgens hatte ihn ein Freund angerufen, in seinem Auto sei noch ein Platz frei. Spontan fuhr „Erle” mit an die Alte Försterei, seine Frau fiel aus allen Wolken. „Es war toll! Viele kennen mich noch und freuen sich, mich im Block zu treffen. Und wenn du mit dem 1:0 beim Aufstiegsanwärter noch so ein Bombenergebnis feiern kannst, ist alles perfekt”, schildert er den Mittwochabend in Köpenick und fand wieder mal bestätigt: „Unsere Fans sind einmalig, ohne sie geht nichts!” Deshalb bleibt der 70-Jährige als Stadtrat mit Mandat der Freien Wähler weiter am Ball, seit acht Jahren engagiert er sich im Ressort Sport und Kultur sowie für die Beziehungen Aues zu den Partnerstädten Solingen, Kadan in Tschechien und Guingamp in Frankreich. Er will den Menschen seiner Stadt etwas zurückgeben. So trug Erler als Kommunalpolitiker sein Teil bei zum Stadionneubau, zum Internat des Nachwuchsleistungszentrums oder, dass in den kommenden Jahren auf dem früheren Bahngelände ein Sportareal entsteht, das Schülern, Talenten und kleinen Vereinen beste Bedingungen bieten wird.

Links: Holger Erler war ein sicherer Elfmeterschütze, sein Rekord hat noch immer Bestand. Rechts: Zweikampf mit dem Erfurter Jörg Hornik im Punktspiel am 24. November 1984 in Aue, das Wismut 2:0 gewann (Foto: Frank Kruczynski).

Erwähnenswert, dass der populäre Fußballer auch für andere Disziplinen brennt. So verpasst er kein Heimspiel der EHV-Handballer und ist bei den Veilchenringern häufiger Gast. Logisch, dass so einer sich im Rentenalter fit hält – Sauna, Gartenarbeit und Schwimmen in der Pöhl-Talsperre, Spazierengänge mit seiner Frau auf dem Eichert und Fahrrad fahren gehören zum Programm. In der Auer Dürerschule bringt er zudem Kindern das Fußball-ABC bei.

Gern schauen Aue-Spieler auf einen Kaffee und ’ne knusprige Semmel in „Schellis” Bäckerei auf dem Eichert vorbei. Das war schon so zu „Erles” Trainerzeiten und ist so geblieben. Am 11. April zum Beispiel war Martin Männel mit seiner Frau Doreen auf einen Sprung bei Falk und Alexander Schellenberger zu Besuch gekommen. Bild rechts: Holger Erler als Coach des FC Erzgebirge Aue II im Derby der NOFV-Oberliga gegen den VfB Auerbach; die jungen Veilchen gewannen damals am 17. Mai 2009 mit 2:1. Fotos: Olaf Seifert, Frank Kruczynski.

Am Liebsten würde der Vollblutkicker wie in alten Zeiten loslegen, doch das Knie spielt nicht mehr mit wie gewünscht. Es erinnert ihn an seine schwerste Zeit als Aktiver. 1976 erlitt der Auer Stratege beim BFC einen Schienbeinbruch. Nach zehn Wochen Gips kämpfte er sich eisern zurück und mischte nach einem Vierteljahr wieder mit. Ansonsten biss „Erle” immer die Zähne zusammen, trotz Leistenbruchs lief er 1980 bei Union Berlin mit einem Spezialgürtel auf, schoss das Siegtor und schaffte es in die FuWo-Elf des Tages. „Niederlagen gab es viele, schließlich ging es für Aue immer gegen den Abstieg. Doch das Positive überwiegt in meiner Karriere. Ich bin nie abgestiegen”, betont das Wismut-Urgestein und kommt ins Schwärmen: „Gegen Dynamo sahen wir selten einen Stich, aber einmal gewannen wir in Dresden 2:1, Distelmeier und ich trafen damals. Das vergisst du nie!” Das Wismut-Erfolgsgeheimnis bringt Holger mit einem Wort auf den Punkt: familiär. „Fans, Mannschaft und Region waren eins. Wir Spieler kamen alle von hier, oft unternahmen die Familien gemeinsam etwas und die meisten verbrachten den Urlaub zusammen im Wismut-Ferienheim in Zinnowitz.”

Erfolgsduo an der Linie: Von 1999 bis Dezember 2007 trainierten Gerd Schädlich und sein Assistent Holger Erler erfolgreich das Veilchenteam, mit ihnen stieg Aue 2003 erstmals in die 2. Bundesliga auf. Auf dem Foto sehnen beide den Schlusspfiff in der Regionalliga-Nord-Partie am 28. Oktober 2000 gegen Fortuna Köln herbei, das der FCE am Ende 2:1 für sich entschied. Rechts Holger Erler in seiner ersten Oberligasaison im Punktspiel bei Sachsenring Zwickau, das am 15. Mai 1971 0:0 endete. Fotos: Frank Kruczynski (2)

Nach dem Karriereende half er 1986 den BSG-Wismut-Kollegen in Gera, die DDR-Liga zu halten. In Aue trainierte Holger die Junioren-Oberligaelf, war in unterschiedlichen Ligen Co-Trainer unter Klaus Toppmöller, Lutz Lindemann, Ralf Minge, Frank Lieberam und dann acht Jahre lang von Gerd Schädlich. Mit Letzterem gelangen Sachsenpokalsiege, 2003 der sensationelle Aufstieg und danach fünf fantastische Jahre in der 2. Bundesliga. „Gerd und ich haben uns total ergänzt. Und wieder war der familiäre Zusammenhalt das Erfolgsrezept”, sagt Erler, der nach 2008 noch etliche Jahre die 2. Mannschaft und die A-Junioren des FCE trainierte. Mit Dimitrij Nazarovs Toren „vom Punkt” ist derzeit über eine weitere Qualität Holgers öfter zu lesen. Neben seinen Freistoßkünsten, die seinerzeit in der Oberliga gefürchtet waren, galt er als sicherer Elfmeterschütze. Von insgesamt über 30 Strafstößen verschoss er bloß zwei. 1980/81 war mit zwölf Treffern seine torreichste Saison, siebenmal lief „Erle” dabei vom Strafstoßpunkt an und verwandelte immer. „Ich freue mich, wenn mein Rekord fällt und Aue die 2. Bundesliga hält. Nazarov ist ein toller Typ. Er kämpft bis zum Umfallen, spielt dabei einen guten Ball und hat einen genauen, scharfen Schuss. Sein Länderspieltor für Aserbaidschan gegen Deutschland hat ihn zusätzlich motiviert. ” (OS)

Text aus dem VeilchenECHO2017

21.03.2020 12:38


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